"Erziehung"

Gedanken zum Selbstständig werden

Was man einem Kind beibringt, kann es nicht mehr selber entdecken.
Aber nur das, was es selber entdeckt, verbessert seine Fähigkeit,
Probleme zu verstehen und zu lösen.
Jean Piaget

 

 

 

- Gedanken zum Selbstständig werden -

 

Wie oft ärgert man sich als Jung-Eltern über die zwar gut gemeinten, aber wenig hilfreichen Tipps von Personen aus meist früheren Generationen?!

 

„Lass das Baby nicht in dein Bett, das bekommst du dort nie wieder raus!“

„Trag es doch nicht die ganze Zeit, du verwöhnst es zu sehr!“

„Wenn du nicht aufpasst, tanzt es dir bald auf der Nase herum!“

„Lass es doch einfach mal ein bisschen schreien, das ist gut für die Lungen und dann lernt es auch, dass eigentlich Schlafenszeit ist!“

 

Wenn man sich mit diesen Mythen etwas beschäftigt und recherchiert wird klar, worauf oder besser gesagt auf wen, sie zurückzuführen sind. Frau Dr. Johanna Haarer, eine während des Nationalsozialismus sehr bekannte Kinderärztin, hat zwei Bücher für „die Deutsche Mutter“ verfasst. Erschreckender Weise waren diese Werke und deren Merksätze bis in die 1980er Jahre hinein recht populär. Den Säuglingen und Kleinkindern wurde jedes Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung abgesprochen und von der Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung hatte man offensichtlich noch keine Ahnung. Wichtig war, dass die Kinder sich ruhig verhielten und taten, was die Erwachsenen von ihnen verlangten, denn dann galten sie als gut erzogen.

 

Heute ist glücklicherweise schon vieles anders. „Erziehung“ wurde neu erfunden, jede Familie kann frei nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen agieren und aus einer Fülle von Informationen aus Büchern und Internet schöpfen. Das macht zwar nicht immer alles leichter, weil man erst seinen eigenen Weg finden muss und sich nicht nach DEM Erziehungskonzept richten kann, aber heute machen sich die Eltern viele Gedanken darüber, was aus ihren Kindern einmal „werden“ soll. Welche Art Mensch soll mein Kind einmal sein, welche Persönlichkeitsmerkmale erachte ich als wichtig und sinnvoll und wie kann ich das Kind auf dem Weg dorthin begleiten?

 

Tatsache ist: Damit ein Kind zu einem lebenskompetenten, rücksichtsvollen und glücklichen Erwachsenen heranreifen kann, muss es sich ausprobieren dürfen. Es muss Erfahrungen machen dürfen, sowohl soziale als auch körperliche. Ihm muss gestattet werden, Fehler zu machen. Es muss unbeobachtete Momente geben, in denen der Spross Dinge tut, von denen wir Eltern lieber nichts wissen wollen. Das Kind soll gesehen werden, in seiner ganzen Pracht, Energie, Lautstärke, Sensibilität, Klugheit und Neugier und zwar ohne bewertet zu werden. Es hat das Recht, von seinen Eltern geliebt zu werden, einfach, weil es da ist. Ganz so, wie unmittelbar nach seiner Geburt, als es staunend in den Armen gehalten und ganz genau betrachtet wurde.

 

Es muss toben, rennen, schreien und singen dürfen, um seinen Körper und dessen Fähigkeiten kennen zu lernen. Trampolinspringen, schaukeln und am Hüpftier herumspringen bis zum Umfallen.

Einige Leser werden nun möglicherweise erschrocken zusammenzucken. An dieser Stelle sei erwähnt, dass man genau diesem Kind aber auch sagen darf, dass es zu weit gegangen ist. Dass es etwas nicht erwünscht oder zu gefährlich ist. ABER das erfordert von den Erwachsenen, sich vorher genau zu überlegen, welche Regeln mit einem klaren „NEIN!“ durchgesetzt werden, denn auch dieses Wort verliert seine Macht, wenn man es inflationär gebraucht. Ebenso sollte der Satz „aber bitte pass auf, dass du dir nicht weh tust!“  möglichst aus dem Wortschatz gestrichen werden. Ist etwas augenscheinlich wirklich zu gefährlich, muss man das Kind davon abhalten und unmittelbar einschreiten. Traut man ihm etwas zu und sind die Folgen absehbar, bzw. können in Kauf genommen werden, sollte man lieber dazu übergehen, die Begeisterung des Sprösslings zu bemerken anstatt ihm den Triumpf, diese Aufgabe bewältigen zu können, madig zu machen indem man ihn auf mögliche Gefahren hinweist. Kinder sind in der Regel sehr kompetent und wissen, was sie sich zutrauen können.

 

Hier möchte ich kurz eine Beobachtung, die ich beim letzten Spielplatzbesuch gemacht habe, teilen: Eine ältere Frau war mit zwei Kleinkindern- vermutlich ihren Enkeln- alleine unterwegs. Das jüngere Kind wollte schaukeln, während sich der ältere Bursche (ca. 4 Jahre) zielstrebig auf einen relativ hohen Rutschturm zu bewegte. Die Oma, ganz vertieft ins Schaukeln mit dem Jüngeren, realisierte erst als der Bub schon ganz aufgeregt oben stand und „Oma, schau mal!“ rief, dass dieser gerade ganz alleine den „gefährlichen“ Turm erklommen hatte. Auch aus der Entfernung konnte ich den Schreck erkennen, der über ihr Gesicht huschte, aber der Bub war ja schon oben angelangt und sie konnte die Situation nicht mehr ändern. Anstatt wie viele Leute sonst „pass aber auf, dass du nicht runterfällst!“ oder „ja, das hast du gut gemacht!“ zu rufen, sah sie zu ihm hin und rief: „Ja, wooooow, ich sehe dich! Und du bist ja ganz alleine den steilen Kletterturm hinaufgeklettert!“ Sie sah ihren Enkel in seinem Stolz und berichtete ihm von ihren Beobachtungen. Er wurde durch seine Großmutter auch nicht bewertet. Sie hat ihm das Gefühl gegeben, etwas geschafft zu haben, ohne ihn im Anschluss auf diese „Leistung“ zu reduzieren.

 

Wenn wir es schaffen, unseren Kindern die Freiheit zu lassen, ihre eigenen sozialen und körperlichen Erfahrungen zu sammeln und sie wahr- und annehmen so wie sie sind, ohne ständig zu bewerten, werden sie ihren Lebensweg selbstbewusst und glücklich beschreiten.

 

Ob ihre Ziele sich allerdings mit unseren Wünschen überschneiden, das ist eine andere Geschichte!

 

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