Sexualität und Behinderung

 

Sexualität und Behinderung

     Wer oder was behindert wen?

 

Menschen wollen Sex, Menschen brauchen Sex und Menschen haben Sex. Damit wird man mehr oder weniger täglich konfrontiert.

 

Jenseits der frühen Jugend muss man sich meist nicht mehr den Kopf über das „wie“ zerbrechen, ES ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Außer, man ist behindert. Weil: „Die“ haben ja keinen Sex. Menschen mit Beeinträchtigung (MmB) wollen keinen Sex, sie brauchen keinen Sex und sie haben keinen Sex.

 

Soviel zu den Vorurteilen.

 

Blöd nur, dass die sexuelle Entwicklung nach einem genetischen „Fixplan“ verläuft und sich weder durch kognitive noch durch körperliche Beeinträchtigungen aufhalten lässt. Zugegeben, man muss sich manchmal schon aktiv ins Bewusstsein rufen, dass alle Menschen, egal wie unreif sie auch wirken mögen, ab ca. dem biologischen 10. Lebensjahr Bedürfnisse haben, die der erwachsenen Sexualität zuzuschreiben sind.

 

Eines der wichtigsten Identifikationsmerkmale, wenn nicht sogar DAS wichtigste Identifikationsmerkmal, auch in Bezug auf unsere Sexualität, ist in der Regel unser biologisches** Geschlecht. Im Alltag werden Menschen, die uns begegnen, automatisch und unbewusst danach kategorisiert. Nur MmB nicht. Wir sehen nicht den Mann oder die Frau sondern den Rollstuhlfahrer und die, die so komisch geht oder schaut. MmB werden, außer man betrachtet sie ganz bewusst, auf ihre Behinderung reduziert.

 

Und das ist schon der erste Schritt dahin, diesen Menschen ihre Sexualität, ihre Körperlichkeit abzusprechen. Das Bedürfnis nach Sex, Nähe und Zärtlichkeit, Partnerschaft und Intimität (auch „nur“ mit sich selbst) wird negiert. Selten wird in Institutionen und Einrichtungen darauf geachtet was für Nicht Beeinträchtigte selbstverständlich ist: Privatsphäre, Zeit exklusiv für sich alleine oder ein breites Bett, in dem auch zwei Personen Platz finden könnten. Angebote, die das Kennen- und Liebenlernen anderer Menschen überhaupt erst möglich machen, stellen in Anbetracht des Überangebots an Singletreffs für „Normalos“ eine Seltenheit dar.

 

Manchmal scheitert es einfach daran, dass der dafür notwendige Aufwand für die Angehörigen, bzw. Betreuer*innen – aus welchem Grund auch immer- nicht zu bewältigen ist.

Oft stehen bei MmB die Einschränkungen aber so im Vordergrund, dass die Ressourcen, auf denen man aufbauen könnte, aus den Augen verloren werden.

 

Wenn Heranwachsende (egal ob beeinträchtigt oder nicht) dabei unterstützt werden, ihren Körper kennenzulernen und ein gutes Körperschema auszubilden, erlangen sie die Fähigkeit ihre Bedürfnisse zu erspüren und die Kompetenz, damit umzugehen. Sie wissen, wo ihre Grenzen und die Grenzen der anderen Menschen liegen und wie man verantwortungs- und rücksichtsvoll damit umgeht.

Kinder, die sich körperlich uneingeschränkt bewegen können, ergreifen von sich aus die Initiative, um möglichst viel von ihrer Umwelt zu erfahren. Sie lieben es, nackt herum zu toben, mit Wasser zu experimentieren, Trampolin zu springen, zu schaukeln, barfuß zu laufen oder im Sand zu graben.

 

MmB mit einem Handicap sind darauf angewiesen, dass ihre Betreuer*innen wissen, wie wichtig der sensorische Input für die Entwicklung eines Körpergefühls ist und dass es auch möglich ist, dieses Wissen trotz erschwerter Bedingungen, bzw. erhöhtem Aufwand, umzusetzen. Das Gehirn „erfährt“ erst, von der Existenz eines Körperteils, wenn dieser von der Person selbst berührt und beansprucht wird. Nur dann entsteht auch die Fähigkeit zu differenziertem Spüren von Berührungen wo anfangs nur ein unspezifisches Kitzeln erfahren wurde.

Dafür ist es aber wiederum notwendig, die Eigenberührung der Personen zu fördern und wenn nötig, zu unterstützen. Entweder  indem man z.B. beim Waschen, die Hand der zu pflegenden Person führt und so quasi ein Selbstwaschen (ohne Waschlappen!) möglich macht oder indem man die Verantwortung zurückgibt und die Tätigkeit genau anleitet oder vorab bespricht.

 

Die Chance, auch als beeinträchtigter Mensch selbstbestimmt durchs Leben zu gehen und so viel Verantwortung wie nur irgend möglich für sich und seinen Körper selbst zu übernehmen, um ihn und seine besonderen Funktionsweisen kennen zu lernen, setzt einfühlsame und achtsame Betreuer*innen voraus. Lebensbegleiter*innen, die von sich aus den Abnabelungsprozess einleiten, weil sie Kompetenzen erkennen und zugestehen.

 

Und: für befriedigende Sexualität gibt es kein Patentrezept. Für keinen Menschen. Man darf nicht den Fehler machen und von sich auf Personen in anderen Lebenswelten, mit anderen Kompetenzen und Ressourcen, schließen. Sich der Herausforderung zu stellen und ab und zu die Perspektive zu wechseln kann ungemein bereichernd sein!

 

  

**  Transgender und Intersexuelle Personen klammere ich hier bewusst aus, weil statistisch und

    prozentuell gesehen einfach mehrheitlich Cis Heteros betroffen sind

 

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